Den Anleger konsequent in den Mittelpunkt stellen

Interview mit Dr. Franz-Josef Leven, stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts

Den Anleger konsequent in den Mittelpunkt stellen

OnStage: Herr Dr. Leven, Sie sind stellvertretender Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts, das bereits seit 1953 die Interessen kapitalmarktorientierter Unternehmen, Banken, Börsen und Investoren vertritt. Nicht allen Lesern wird das Institut bekannt sein. Worin liegt der Auftrag des Deutschen Aktieninstituts?

Dr. Franz-Josef Leven: Unser Ziel ist es, den Kapitalmarkt in Deutschland zu fördern, indem wir Brücken zwischen der Politik und der Wirtschaft bauen. Dazu gehört auch, die Aktie als Finanzierungs- und Anlageinstrument in Deutschland zu fördern. Ein funktionsfähiger Kapitalmarkt braucht ein Optimum an Regulierung und an Verständnis in der Gesellschaft. Sowohl ein Zuviel als auch ein Zuwenig an Regulierung ist schädlich. Unsere Aufgabe ist es, dazu beizutragen, dass die Regulierungsziele erreicht werden, ohne dass unnötige Kosten oder Reibungen entstehen. Wir arbeiten daran mithilfe von Stellungnahmen zu neuen Gesetzesentwürfen, flankiert von Gesprächen mit Politik und Ministerien, mit Studien und mit der grundsätzlichen Verbreitung von Wissen und Verständnis zum Thema Kapitalmarkt.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Aktienkultur in Deutschland?
Es steht, kurz gesagt, sehr schlecht um die Aktienkultur in Deutschland. Zu wenig Deutsche legen in Aktien an, und die Deutschen legen insgesamt zu wenig Geld in Aktien an. Das kostet die Anleger Rendite. Daneben ist die Börse als Quelle für Eigen- und Fremdkapital in Deutschland nicht in der Position, wie es einem führenden Industrieland zukäme. Wir brauchen viel mehr Börsengänge und viel mehr Unternehmen an der Börse. Und die Politik hat immer noch nicht erkannt, welches Potenzial eine stärkere Aktienanlage für die Lösung des langfristig größten sozialpolitischen Problems – der Altersvorsorge – hätte.

Leider haben viele Anleger große Vorbehalte gegenüber der Aktie. Sie glauben, man müsse hohe Beträge investieren, brauche außerordentlich umfangreiche Kenntnisse, müsse sehr viel Zeit aufwenden und gehe ein großes Risiko ein, wenn man in Aktien investiert. Das alles ist falsch – aber es prägt das Anlegerverhalten in Deutschland.

Warum ist Aktienkultur denn überhaupt wichtig? Und wie steht Deutschland im Vergleich mit anderen Ländern da?
Aktien sind – breit gestreut und langfristig angelegt – eine attraktive Anlageform mit hohen Erträgen, die trotz der kurzfristigen Schwankungen des Aktienmarkts über viele Jahre hinweg sehr gleichmäßige Durchschnittsrenditen ergeben. Andere Länder haben das erkannt, dort besitzen zum Teil doppelt so viele Bürger auch Aktien. Gerade für die Altersvorsorge eignet sich eine Anlage in Aktien hervorragend. Die typischerweise lange Anlagefrist für die Altersvorsorge – man hat ja in der Regel drei bis vier Jahrzehnte Zeit – sorgt mit größter Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich alle Kursschwankungen nach oben und unten herausmitteln und die zuverlässige Rendite der Aktie übrig bleibt. Und das erfordert vom Anleger weder riesige Anlagebeträge noch ein mehrstündiges tägliches Studium von Wirtschaftsnachrichten und auch keine speziellen Fachkenntnisse. Es erfordert nur die Entscheidung, jeden Monat einen kleinen Teil des Einkommens in einen Aktienfonds anzulegen und dies einfach durchzuhalten – über Höhen und Tiefen hinweg.

Es gibt Behauptungen, ETFs würden durch ihr passives Management den Markt ineffizient machen. Stimmt das?
Ich kann das nicht erkennen. Der Vorwurf würde nur dann gelten, wenn der Anteil passiver, also rein indexorientierter Anleger am Gesamtmarkt sehr hoch wäre, viel höher als jetzt. In dieser Situation würden die Aktienkurse sich auch mittelfristig nicht mehr an den Fundamentaldaten der Unternehmen orientieren können, da die Kaufentscheidungen der Anlegerschaft allein vom Gewicht einer Aktie im Index abhängen würden. Genau dann würden sich aber Research und aktives Stockpicking wieder lohnen, sodass es automatisch zu einer Gegenbewegung käme: Aktives Management hätte bessere Chancen, »den Markt zu schlagen«, und einige Anleger würden von passiven Indexfonds zu aktiv gemanagten Portfolios wechseln. Von einer solchen Situation sind wir aber derzeit weit entfernt. Ich halte den Markt trotz des in den vergangenen Jahren gewachsenen Anteils der Indexfonds für voll funktionsfähig.

Ebenfalls stark diskutiert wird immer wieder die Frage, ob ETFs starke Kurseinbrüche, sogenannte »Flash Crashs«, verstärken können. Wie sehen Sie das?
Auch hier sehe ich keine besonderen, vor allem keine ETF-spezifischen Risiken. Flash Crashs vollziehen sich so schnell, dass ETFs keine Rolle spielen können. Indexfonds verkaufen Aktien konstruktionsbedingt aber erst dann, wenn die Anleger in Indexfonds massiv Fondsanteile zurückgeben. Bis dahin bleiben Indexfonds in ihrem jeweiligen Markt investiert. Aktiv gemanagte Aktienfonds können hingegen Aktien bereits dann verkaufen, wenn der Markt einbricht, um ihre Liquidität zu erhöhen und später günstiger Aktien kaufen zu können. Das ist ja gerade der Sinn aktiven Managements – Kursbewegungen zu nutzen, um die Rendite des Portfolios zu optimieren. Damit würden eher aktiv gemanagte Fonds Kurseinbrüche verstärken – aber auch da sehe ich keine Gefahr.

Wie lautet Ihr Resümee, sind ETFs eher eine Chance oder ein Risiko für die Aktienkultur in Deutschland?
Ich sehe in ETFs die große Chance, neue Anlegergruppen für eine Aktienanlage zu gewinnen. Diese Chance gilt es zu nutzen – im einzel- wie im gesamtwirtschaftlichen Interesse. Natürlich muss der Anlegerschutz gewährleistet sein. Aber da unterliegen aktive wie passive Fonds in Deutschland den gleichen harten und bewährten Regeln.

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Vorteile von ETFs für private Investoren im Vergleich zu anderen Finanzinstrumenten?
Gerade für Anleger mit nicht so großem Geldbeutel ist die regelmäßige Anlage in ETFs eine hervorragende Möglichkeit, breit gestreut und kostengünstig in den Aktienmarkt zu investieren und damit die hohe Durchschnittsrendite der Aktie für sich zu nutzen. Es kommt bei einer Indexanlage nicht darauf an, »den Markt zu schlagen«, das heißt, besser zu sein als der Index. Die Entwicklung eines breit gestreuten Index, zum Beispiel des DAX, ist in der langen Frist schon von sich aus wesentlich besser als die Rendite festverzinslicher Wertpapiere, vom Sparbuch ganz zu schweigen. Und das gilt nicht nur für die aktuelle Nullzinsphase, sondern auch in der langen Frist. Die Vorteile von ETFs sind klar: Kleine Anlagebeträge sind möglich, eine breite Streuung ist gewährleistet, und die Kosten sind vergleichsweise niedrig.

Das weltweit verwaltete ETF-Vermögen liegt momentan bei über 4.000 Milliarden Euro, in Europa sind es rund 670 Milliarden Euro. Wagen Sie mit uns einen Blick in Zukunft: Wie, glauben Sie, werden sich das verwaltete ETF-Vermögen und die Anzahl an ETFs in den kommenden zehn Jahren entwickeln?
Ein Blick in die Zukunft ist natürlich immer schwierig und mit tausenderlei Unwägbarkeiten verbunden. Ich gehe aber davon aus, dass der Anteil der passiv gemanagten Vermögen am Gesamtmarkt sich noch weiter erhöhen wird. Wegen der geschilderten Ausgleichsmechanismen ist dieses Wachstum aber begrenzt. Ob die Zahl der ETFs noch weiter zunehmen muss, weiß ich aber nicht. Ich gehe davon aus, dass neue Fondsgesellschaften dazustoßen und bereits am Markt aktive Gesellschaften neue Fonds auflegen werden, das spricht für eine Zunahme. Schon heute gibt es aber ein so vielfältiges Angebot an ETFs – und auch an aktiv gemanagten Fonds –, dass kein Anleger wegen eines »Mangels an Alternativen« weiter zuwarten sollte.

Wenn Leser über einen Einstieg in den Aktienmarkt nachdenken, welche Tipps würden Sie ihnen mit auf den Weg geben?
Grundsätzlich gilt, dass eine Aktienanlage breit gestreut vorgenommen werden sollte: »Nicht alle Eier in einen Korb legen« ist  eine bewährte Devise. Mit Fondsanteilen hat man diese Streuung bereits erledigt, vorausgesetzt, man kauft keinen sehr engen Branchen- oder Themenfonds.

Weiterhin ist die Aktie etwas für langfristig orientierte Anleger. Auf kurze Frist können die Erträge sehr stark schwanken, und das Ergebnis einer Aktienanlage auf ein Jahr ist nicht vorhersehbar. Auf lange Frist liefert die Aktie hingegen sehr gute Durchschnittserträge, und darauf kommt es an.

Wegen der starken kurzfristigen Schwankungen am Aktienmarkt sollte der Anleger schließlich nicht seine gesamten Ersparnisse in Aktien anlegen. Wenn zwischenzeitlich unvorhergesehene Ausgaben notwendig werden, muss man stets eine Alternative zum Aktienverkauf haben, zum Beispiel ein Sparbuch oder festverzinsliche Papiere, die ohne großes Kursrisiko verkauft werden können.

Und auf gar keinen Fall sollten die zurzeit niedrigen Zinsen den Anleger dazu verleiten, einen Kredit aufzunehmen und mit diesem Geld in Aktien zu investieren. Das Risiko plötzlicher Kursrückgänge ist einfach zu groß, und dann wäre der Anleger gezwungen, zu niedrigen Kursen mit Verlust zu verkaufen. Ein letzter Tipp: Nicht ständig auf die Kursentwicklung achten. Wer wöchentlich oder gar täglich oder noch öfter überprüft, wie seine Aktienanlage sich entwickelt, neigt zu vorschnellen Reaktionen.

Bei Privatanlegern sind vor allem Ihre Renditedreiecke bekannt. Können Anleger diese Angaben auch nutzen, um regelmäßig in Aktien-ETFs zu sparen, und was gilt es zu beachten?
Vor allem unser Sparplan-Dreieck veranschaulicht sehr deutlich, wie rentabel eine regelmäßige, breit gestreute Anlage in Aktien ist. Die Botschaft ist eindeutig: Bei einer langfristigen monatlichen Anlage in Aktien erreicht der Anleger eine sehr attraktive Durchschnittsrendite. Dabei kommt es nicht auf den Einstiegszeitpunkt oder den Beginn der Anlage an. Wichtig ist, so früh wie möglich anzufangen – und dann einfach dabeizubleiben.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Schwierzeck.