Wissen

Albert Warnecke, der »Finanzwesir«

»Mein Thema ist finanzielle Bildung«

Herr Warnecke, Sie zählen zu den ersten Finanzbloggern Deutschlands. Welche Themen greifen Sie auf und was macht den Finanzwesir-Blog so einzigartig?
Mein Thema ist finanzielle Bildung. Ich schreibe zu den grundsätzlichen Themen wie »Sparen« oder »Humankapital«. Ein gut bezahlter Beruf kombiniert mit einem angemessenen Lebensstil ist die Grundlage. Nur dann bleibt Geld übrig, das angelegt werden kann.

Beim Thema Geldanlage konzentriere ich mich ganz pragmatisch auf ETFs, weil ich der Meinung bin, dass ein ETF für uns Privatanleger eines der besten Investmentvehikel ist, die uns heute zur Verfügung stehen. Auch ein ETF ist nicht perfekt, aber die Vorteile überwiegen die Nachteile bei weitem.

Was meinen Blog – zumindest in den Augen meiner Leser – einzigartig macht, hat Leser Ruben in diesem Kommentar zusammengefasst: »Du bist mir einer der liebsten Finanzblogger, da du zu dem Kreis gehörst, der alles so klar und einfach darstellt, wie es eigentlich ist. Nichtsdestotrotz behauptest du das nicht einfach nur, sondern fütterst auch alles mit den entsprechenden Details.«

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Finanzen und wie bzw. warum sind Sie dazu gekommen, mit Ihrem Blog zu starten?
Ich bin seit 20 Jahren an der Börse aktiv, mit allen Höhen und Tiefen. Ich habe um die Jahrtausendwende den Dotcom-Boom samt -Crash erlebt und dann die Subprime-Krise 2008/2009.

Meinen Blog gibt es seit Februar 2014. Als junger Mann habe ich für diverse PC-Zeitschriften gearbeitet. Das Schreiben hat mir schon immer Spaß gemacht, und heute ist es so einfach, ein selbstbestimmter Publizist zu werden. Ein Blog ist schnell aufgesetzt und Hosting kostet auch nur ein paar Euro im Monat. Letztlich den Ausschlag gegeben hat meine Erstgeborene. Gutes Abitur, furchtlos nach Indien für ein FSJ, aber das Girokonto nur mit Papas Hilfe eröffnen.

Da habe ich mir gedacht: »Da läuft was falsch!« und mir dann überlegt: »Du hast dich beim Lehrgeldzahlen immer für die Premiumvariante entschieden. Darüber kannst du bloggen. Vielleicht ersparst du dann anderen diese Irrwege.«

Vor allem beim Thema Finanzen tragen Journalisten, Redakteure aber auch Blogger mit ihren Kommentaren, Berichterstattungen und der Auswahl an Nachrichten eine große Verantwortung. Wie gehen Sie mit dieser Verantwortung bei einem doch sehr komplexen und in Deutschland zudem auch sehr unbeliebten Thema um?
Mit einem Bibelspruch: »Bin ich der Hüter meines Bruders?« Mein Blog ist eine Publikation für Selbstentscheider. Ich schreibe aufgrund meiner Erfahrung was ich denke, begründe meine Position und lege meine Quellen offen.

Ich erwarte dann von meinen Lesern, dass Sie für sich entscheiden, wie viel Relevanz meine Ausführungen für sie haben. Das klappt sehr gut.

Die meisten Menschen sind gewiefter, als sich das MiFID, DSGVO und der Verbraucherschutz vorstellen. Diese Nanny-Nummer mit »ich als Blogger, Journalist, Redakteur bin ja so klug und zeig euch mal, wie es geht« ist fast immer unnötig.

Im World Wide Web existieren mittlerweile unzählige Arten, um Nachrichten vor allem online zu konsumieren. Können Sie unseren Lesern einen Tipp geben, wie sie sich im heutigen Mediendschungel zum Thema Finanzen am besten zurechtfinden?
Holzen Sie den Dschungel ab. Wenn Sie die Grundlagen verstanden haben, muss Sie das tägliche Auf und Ab nicht weiter kümmern.

Wie die Grundlagen verstehen? Mein Favorit ist immer noch ein gutes Buch. Mein Buch richtet sich an Anfänger, aber auch das Buch von Gerd Kommer kann ich sehr empfehlen: »Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs«

Wenn Sie nicht so der Buchtyp sind: Mittlerweile gibt es auch gute Podcasts wie den Podcast vom Finanzrocker, oder Sie schauen sich auf Youtube um. Hier kann ich die Kollegen von Finanzfluss empfehlen.

Wenn Sie die Grundlagen verstanden haben, halten Sie sich fern von dem, was man gemeinhin Finanzpornographie nennt. Keine Liveticker aufs Handy, keine Wochen- oder Monatsmagazine, keine Börsennewsletter. Die stehlen Ihnen nur die Zeit und verleiten zum Handeln. Aber Hin und Her macht Taschen leer.

Was meinen Blog angeht: Ich freue mich über jeden neuen Besucher, aber eigentlich möchte ich kein Weggefährte, sondern eine Drei-Monats-Bekanntschaft sein. Kommen, verstehen, machen und dann wieder weg. So soll es sein.

Welcher Teil der Bevölkerung hat aus Ihrer Sicht den größten Bedarf an Finanzinformationen und wie begegnen Sie diesem?
Der Zahnarzt hat keine Ahnung, wie er 1.500 Euro monatlich anlegen soll. Die Putzfrau weiß nicht, was Sie mit den 150 Euro machen soll, die am Monatsende übrig bleiben. Das »Keine Ahnung« zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten.

Wie von Ihnen schon angesprochen: Das Thema ist eher trocken und unbeliebt, also versuche ich, meine Fakten in eine heitere Plauderei zu verpacken. Mein Motto ist: lachen und lernen. Wer sich beim Lesen meiner Texte amüsiert, behält die Fakten besser im Kopf.

Ich versuche immer, die Dinge so einfach wie möglich darzustellen, denn nur so kommen die Leser ins Tun. Jemand, der morgen mit einem nicht total durchoptimierten Sparplan auf einen MSCI World ETF loslegt, ist mir lieber als jemand, der monatelang versucht, aus 10 ETFs die optimale Kombi herauszudestillieren und dann doch frustriert beim Tagesgeld bleibt.

Welche Fragen stellen Ihnen Leser am häufigsten und wie beantworten Sie diese?
Die meisten Leser wollen wissen, ob ihre ETF-Auswahl so o.k. ist. Meine Antwort ist eigentlich immer: »Nein, viel zu kompliziert.« Die meisten Depots werden nach dem Motto »Viel hilft viel« zusammengestellt. Gut diversifiziert bedeutet: viele Zeilen im Depot.

Die Frage, wie denn acht ETFs mit monatlich 300 Euro bespart werden sollen, führt zum Praxisschock. Als Erstes streiche ich die ganzen 5-Prozent-Positionen. 15 Euro in einen Smart Beta ETF und das ist dann der Renditekicker, oder wie? Letztlich landen wir dann bei einem oder zwei Brot-&-Butter-ETFs und fertig ist die Laube. Minimaler Aufwand, solide Rendite, passt ins Leben eines viel beschäftigten Menschen des 21. Jahrhunderts. Was will man mehr?

Was verstehen Sie unter einem erfolgreichen Investment? Und wie stehen Sie zum Thema Risiko?
Ein erfolgreiches Investment

  • bringt mir so viel Rendite, dass ich nicht arm sterbe.
  • hat so wenig Risiko, dass ich nachts ruhig schlafen kann.

Risiko und Rendite sind siamesische Zwillinge. Es gibt das eine nicht ohne das andere. Letztlich wird man an der Börse für den Kontrollverlust bezahlt. Wer das nicht versteht, darf nicht investieren.

Was sollten Anleger beim Vermögensaufbau beachten, und haben Sie ein Erfolgsrezept, aus welchen Komponenten ein Portfolio bestehen sollte?
Die Verteilung Börse/Tagesgeld entscheidet über die Rendite. Alles andere ist nur Kosmetik. Ja, man kann vielleicht noch einen Schnaps mehr rausschinden, wenn man sich das Depot mit Smart Beta ETFs vollpackt. Aber schlauer ist es, Karriere zu machen und sich irgendwann die ganze Schnapsfabrik unter den Nagel zu reißen.

Die eigene Arbeitskraft ist immer noch das Asset Nummer eins.

Mein Erfolgsrezept

  1. Wie viel Geld soll vom Tagesgeld an die Börse? Maßgabe: Bei einem Crash kann sich der Wert des Depots halbieren. Sie haben für 10.000 Euro ETFs gekauft. Die sind dann nur noch 5.000 Euro Wert. Ist das o.k. für Sie? Was ist, wenn das Depot von 100.000 Euro auf 50.000 Euro zusammenschnurrt? Immer noch o.k.? Hier müssen Sie Ihren Bauch entscheiden lassen. Sie müssen immer ruhig schlafen können.

  2. Auswahl der Investment-Vehikel
    a) Für das Tagesgeld: eine seriöse Bank mit westeuropäischer Einlagensicherung, keine bulgarische, zypriotische oder polnische Klitsche. Auch wenn es da ein Prozent mehr gibt. In diesem Bereich geht es um Sicherheit, nicht um Rendite.

    b) Der risikobehaftete Teil bringt die Rendite. Hier empfehle ich ETFs bei einem seriösen deutschen Online-Broker. Welcher ist egal, die sind alle BaFin-reguliert. Auch bei den ETFs ist es egal. Wenn Sie nur einen ETF besparen möchten, dann kommen die folgenden Indizes in Frage:
    • MSCI ACWI oder FTSE All World (Industrie und Schwellenländer in einem Index)
    • Ein Multi-Asset-Fonds, wie den ARERO oder die ComStage Vermögensstrategie ETFs. Hier investieren Sie in die Anlageklassen Aktien, Anleihen und Rohstoffe.

Wenn Sie zwei ETFs besparen wollen, dann kombinieren Sie einen ETF auf den MSCI World bzw. den FTSE World mit einem ETF auf den MSCI Schwellenländer bzw. FTSE Schwellenländer.

Welcher ETF konkret? Al Gusto. Suchen Sie sich den aus, der Ihnen am besten gefällt. Von der Rendite nehmen die sich nichts. Und was die Diskussion ausschüttend versus thesaurierend und synthetisch versus replizierend angeht: Da habe ich so viele Argumente für jede Variante gehört, dass ich guten Gewissens sagen kann: Das können Sie so machen, wie Sie möchten.

Bis zu einem Depotvolumen von 50.000 Euro reicht das allemal aus. Die Kombi ETF plus Online-Broker ist so günstig, da müssen Sie nicht versuchen, die letzten Prozente herauszuwringen. Das muss einfach laufen, denn Sie haben Besseres zu tun, als ein Depot zu babysitten.

Dann ist Ihr Depot
1. lückenlos – Sie haben alle 23 Industrieländer und alle 24 Schwellenländer im Depot.
2. überschneidungsfrei – Jedes Land ist entweder Schwellen- oder Industrieland. Kein Klumpenrisiko durch Doppelungen im Depot.
3. selbststabilisierend – Wenn ein Schwellenland zum Industrieland wird, entgeht Ihnen nichts. Beispiel Südkorea. Zurzeit ein Schwellenland, in 15 Jahren womöglich ein Industrieland. Egal wann es passiert, Sie profitieren auf jeden Fall von Samsung & Co.

Behandeln Sie auch exotische Anlagethemen wie Wein, Holz oder Krypto-Währungen?
Nein, das ist Lebenszeitverschwendung.

Welchen Rat würden Sie Neueinsteigern zum Thema »langfristigeGeldanlage« mit auf den Weg geben ?
Verstehen Sie die Grundlagen. Suchen Sie sich dann einen oder zwei ETFs auf einen der marktbreiten Brot-&-Butter- Indizes aus, die Ihnen zusagen und besparen Sie diese automatisiert per Sparplan. Dann lassen Sie die Sache laufen. An der Börse werden Sie für den Kontrollverlust und für Sturheit bezahlt. Für sonst nichts.

Das Problem »Kontrollverlust« erledigen Sie durch nicht hinsehen. Wenn es an der Börse kracht, ignorieren Sie die Lemminge in Ihrer Facebook-Gruppe »Dividendenstars« und sehen Sie auch keinen ARD-Börsenbrennpunkt. Stattdessen schalten Sie Netflix ein und schauen sich die Folgen 1 bis 5 Ihrer neuen Lieblingsserie an. Die ganzen »Sie haben Kursverluste«-Mails Ihres Brokers löschen Sie ungelesen. Dann klappt es auch mit der Sturheit. Der Sparplan läuft ungerührt weiter und auf einmal stellen Sie fest: Das Gewitter ist vorbei und mein Depot hat sich prächtiger denn je entwickelt.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Schwierzeck